Berliner Testament für Patchwork-Familien - ein No Go

Ich möchte Ihnen heute eine fast tragische, aber im Bereich des Erbrechts immer wieder vorkommende, Geschichte erzählen.

Mich suchte in diesem Jahr eine Mandantin in den besten Jahren auf, die mir ein Auskunftsaufforderung Schreiben einer gegnerischen Rechtsanwältin vorlegte. Hiernach wurden sie und ihre Neffen zur Auskunft wegen Pflichtteil aufgefordert.

Hintergrund war, das sich in den frühen sechziger Jahren ein Mann und eine Frau zueinander hingezogen gefühlt hatten, die beide schon Kinder aus einer ersten Ehe hatten. Diese beiden heirateten und aus welchen Gründen auch immer, wurde das Verhältnis zur einzigen Tochter des Ehemannes immer schlechter. Schlussendlich gipfelte es darin, dass diese älteren Herrschaften ein sogenanntes Berliner Testament für sich und die Kinder der Ehefrau errichteten. Leider war es handschriftlich und ohne jede rechtliche Prüfung aufgesetzt worden.

Ein Berliner Testament hat aber folgende Tücke. Ich versuche die Wirkungen immer gern mit zwei Orangen-Hälften zu beschreiben - das Vermögen der Ehefrau ist eine Orangenhälfte und das Vermögen des Ehemannes ist die andere Orangenhälfte. Beim ersten Teil eines Berliner Testamentes, d.h. wenn einer der Ehegatten stirbt, klappt seine Hälfte der Orange mit der Orangenhälfte des anderen Ehegatten zusammen, so dass eine ganze Orange - nämlich aus dem Vermögen des Verstorbenen und das eigene Vermögen - beim Überlebenden zusammenfällt. Der Überlegende hat erst einmal alles bei sich vereint.

Den zweiten Teil eines Berliner Testamentes (die Schlusserbeneinsetzung) kann man in etwa so beschreiben: Der überlebende Ehegatte darf die Orange so weit auf essen (das beiderseitige Vermögen aufbrauchen), dass sie bis zu seinem Tod vielleicht die Größe einer Mandarine erhält oder die Größe einer Haselnuss, was absolut erlaubt ist, denn der Überlebende ist ein Vollerbe. Das was übrig bleibt, wird dann von den im Testament als Schlusserben bedachten Kindern hälftig oder sonst wie geteilt.

So sieht der Vollzug eines Berliner Testament aus.

Im vorliegenden Fall war es jedoch so, dass der Ehemann schon lange kränklich war und quasi die ganze Familie fest damit gerechnet hatte, dass er zuerst stirbt. Wie aber das Leben so schreibt, war dies nicht der Fall, sondern die Mutter meiner Mandantin starb zuerst.

Dann trat der erste Teil des Berliner Testamentes mit den sich zusammenfügenden Orangenhälften ein und das komplette Vermögen beider Ehegatten versammelte sich beim Ehemann. Er besaß nur die ganze Orange. Allerdings nur einige Monate lang. Er starb bald darauf, hatte aber rechtlich gesehen, seine Ehefrau überlebt.Hierfür reichen übrigens auch ein paar Minuten oder Tage.

Als er dann starb, wäre ohne Testament seine einzige Tochter Alleinerbin geworden und nur durch den Umstand des Testamentes trat das nicht ein.Wenn man jedoch als Kind enterbt ist, gibt es Pflichtteilsansprüche.

Der ganz bittere Geschmack war jedoch der, dass nun Pflichtteil aus der kompletten Orange (also auch aus dem Vermögen der Ehefrau) an diese doch recht ungeliebte Tochter zu zahlen ist.

Dies ist in meinen Augen ein recht bitteres Ergebnis und war ganz anders gewollt. Dem lieben Gott und wann er wen zu sich beruft, kann man aber nicht in die Karten schauen.

Daher tun Sie sich selbst einen Gefallen und überprüfen Sie genauestens, ob die Wirkungen eines Berliner Testamentes (nämlich die Versammlung des kompletten Vermögens beim anderen Ehegatten) immer gewünscht ist und treffen Sie auch für den unwahrscheinlichen Fall Vorsorge, indem Sie ein "richtiges" Testament errichten.